hauptstadt.at - 02 2008

 

Christina Tsilidis: Idealgesicht

 

Wie viel wissenschaftliche Energie wird eigentlich in die reine Lehre der Oberflächengestaltung investiert? Schätzungsweise jede Menge. Beim Gesicht als experimentellem Schauplatz jedenfalls tobt man sich besonders gerne aus. Wie etwa bei der plastisch-chirurgischen Korrektur kleinerer Unregelmäßigkeiten an der menschlichen Fassade. Die wird inzwischen genauso selbstverständlich in Kauf genommen wie ein zahnärztlicher Eingriff. Passend dazu modulieren anspruchsfreie Frauenzeitschriften den perfekten Mann aus den attraktivsten Gesichtsteilen vergötterter Stars nach dem praktischen Baukastenprinzip. Die Augen von Johnny Depp, das Kinn von Sylvester Stallone (nein, nur ein Scherz!!!). Was in der Regel einen überraschend unansehnlichen Traumtypen ergibt.

Die 1976 in Graz geborene Künstlerin Christina Tsilidis setzt sich in ihren künstlerischen Arbeiten ebenfalls mit der unwiderstehlichen Idee vom "Idealgesicht" - so der Titel ihrer Ausstellung im artLab - auseinander. Zum einen greift sie dabei zu ähnlichen Mitteln wie erwähnte Magazine und lässt aus unzähligen Realgesichtern von einem Computerprogramm ein fiktives Idealgesicht konstruieren. Anhand von Wunschmerkmalen wie Symmetrie oder Ebenmäßigkeit verweist sie auf die immer noch streng codierten Vorstellungen von Schönheit, die unbewusst auch Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit signalisieren.

Gleichzeitig bedient Tsilidis die korrektive Komponente moderner Gesichtswahrnehmung. Plastische Chirurgen markieren an 13 ausgewählten Gesichtern jene Stellen, die noch - ganz im Sinne der europäischen Idealvorstellungverbessert werden könnten. Damit die Skurrilität des vorherrschenden Ideals noch offensichtlicher wird, skizziert Tsilidis das ganze an sogenannten "exotischen" Models. Interessanterweise haben die Markierungen in den Gesichtern einen eigentümlich reizvollen wie verwirrenden Zusatzeffekt: Sie wirken eher wie dekorative Gesichtsbemalung oder Stammestätowierungen denn reine vorbereitende Maßnahmen für einen operativen Eingriff.

Iris Strohner